Ein Wiedersehen nach langer Zeit
Es war etwa 18:30 Uhr, als ich vor dem Lido in der Cuvrystraße in Berlin ankam, die Sonne über Berlin ging langsam unter. Schon jetzt hatten sich einige Fans vor dem Eingang versammelt.
Sechs Jahre nach meinem letzten Konzert in Barcelona von Antonio Orozco betrat ich das Lido. Ein Club, klein genug, dass man die Musik fast greifen kann, groß genug, dass sie sich wie ein wogendes Meer ausbreitet. Kein riesiger Saal, keine starren Reihen – nur wir, die Band und die Musik, die durch den Raum pulsieren sollte.
Ich hatte die Möglichkeit beim Meet&Greet dabei zu sein. Drinnen lief gerade der Soundcheck von Antonio Orozco und seiner Band. Der Konzertsaal füllte sich langsam. Dann unterbrach er den Soundcheck, kam von der Bühne und sprach direkt mit den wartenden Fans. Plötzlich fand ich mich in einer Schlange wieder und beobachtete wie nach und nach die anderen Fans Fotos mit ihm machten und Cd's, LP's und Bücher signieren ließen. Irgendwann war ich plötzlich an der Reihe. Ich wollte eigentlich nur ein Foto machen (lassen). Als ich ihm erzählte, dass ich seine Musik seit 2013 höre, obwohl ich die Sprache kaum noch verstehe, reagierte er überrascht.
Er hielt mich am Arm fest, und plötzlich stand ich da in einem echten Gespräch – ein Moment, der zeigt, dass Musik Menschen verbindet, selbst ohne Worte oder die selbe Sprache zu sprechen. Was als kleiner Fotomoment geplant war, wurde zu einer Begegnung, die den ganzen Abend beeinflusste.
Das Konzert begann mit El viaje, das erste Lied des Abends, das mich sofort an meinen ersten Kanada-Urlaub mit meinem Sohn erinnerte. Wir hatten es damals rauf und runter gehört. Eine Erinnerung daran, dass das Leben nicht planbar ist, dass man am besten ohne Koffer reist und dass die Liebe – zu einem Menschen, zu sich selbst – das Ziel ist.
Schon nach den ersten Songs wurde klar: dieses Publikum war nicht gekommen, um still zuzuhören. Spanische Stimmen füllten den Raum, Menschen sangen, klatschten, lachten – lauter als die Band selbst. Und irgendwo dazwischen stand ich – eine Deutsche, die seine Musik seit 2013 hört, obwohl sie die Sprache kaum noch versteht.
Die Töne erklangen, und die Worte der Songtexte drangen wie durch Nebel nach vorn und wurden wieder sicht- und hörbar. Songs, die durch den Körper vibrieren
Als Pedacitos de ti und später Devuélveme la vida gespielt wurden, ganz anders als auf den Aufnahmen, spürte ich die Songs durch meinen Körper hallen. Devuélveme la vida war diesmal wie ein Sturm, der sich aus dem Inneren aufbaut und alles mitreißt: man schreit den Liebeskummer heraus, man wirft ihn in den Raum, wo er aufflammt wie ein leuchtendes Feuerwerk der Erinnerungen, der Schmerzen und der Verzweiflung, bevor es langsam im Dunkel der Nacht verglüht. Es ist ein befreiender Moment, der alles von dir nimmt, was dich belastet, und dich danach leicht macht, fast schon wie neu geboren.
Entre sobras y sobras me faltas begann leise, fast zerbrechlich, nur um sich mitten im Song zu einem wilden Sturm aufzubäumen – ich kämpfte wirklich mit Tränen vor Berührung, weil mich der Song so mitreißt, bei jedem Hören wie ein Sog, der einen in die Tiefe des dunkelsten Ozeans verschlingt.
Zwei Gitarristen begleiteten Orozco: John Caballés links, PJ Hermosilla rechts. Ich stand zwischen Mitte und rechter Bühnenseite, als mir eine Gitarre von C.F. Martin auffiel – tiefes Nachtblau, fast samtig matt. Sie kam mehrfach zum Einsatz, und ich beobachtete fasziniert die Hände des Gitarristen: C-Dur, G-Dur, E-Moll, A-Moll – Akkorde, die ich selbst gerade übe. Musik, die mich gleichzeitig lehrt und verzaubert.
Zwischen den Songs sprach Orozco mit uns, reagierte spontan auf Rufe, tanzte auf der Bühne und zwischen mitten uns, hielt das Mikro ins Publikum, forderte zum Klatschen auf. Diese kleinen, lebendigen Momente schufen eine Atmosphäre, in der man sich weniger wie bei einem klassischen Konzert fühlte – eher wie bei einem Wohnzimmerkonzert, nur größer, voller Energie und Herz.
Das Publikum liebte es: Andalusier, Asturier, Katalanen, viele andere sangen, klatschten, lachten gemeinsam. Für ein paar Stunden war Berlin ein kleines Spanien, vereint durch Musik.
Später spielte er Hoy será. Das Publikum rastete aus. Für mich ist der Song ein Aufruf, jeden Moment zu leben, eine Hymne, die sagt:
„Heute ist der Tag, heute passiert etwas. Nutze ihn, genieß ihn, mach was draus, sei mutig – heute ist der Tag der Tage.“
Freiheit, Lebensfreude, Liebe – all das steckt in diesem Refrain. Ich spürte, warum ich Antonio Orozco seit 2013 höre und warum seine Musik mich immer wieder erfüllt.
Als ich das Lido verließ, bedankte ich mich bei den spanischen Mädels, die mir die Texte übersetzt hatten. Ich war dankbar und stolz – und nachdenklich. Vielleicht sind es genau solche Momente, die zeigen, wie man selbst bei anderen kleine Spuren hinterlässt.
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