Ich weiß noch, wie eng alles war. Nicht nur draußen, nicht nur diese Welt im Ausnahmezustand – auch in mir. Als würde ich in mir selbst gegen Wände laufen, als gäbe es keinen Raum mehr, in dem ich einfach nur sein darf. Ohne Rolle, ohne Erwartungen, ohne dieses ständige Funktionieren. Corona war laut, aber das in mir war lauter. Und vielleicht bin ich genau deshalb ins Auto gestiegen. Nicht, weil ich wusste, wohin ich will, sondern weil ich wusste, dass ich hier nicht bleiben kann.
Reisen war für mich schon immer wie nach Hause kommen. Nicht dieses Ankommen im Außen, sondern dieses leise Gefühl in mir, wenn alles wieder passt. Wenn ich atmen kann, ohne darüber nachzudenken. Wenn ich nicht irgendwo herumhänge, feststecke, warte – denn genau das fühlt sich für mich wie ein Gefängnis an. Stillstand war noch nie meins. Ich brauche Bewegung. Raum. Weite.
Und dann standen wir plötzlich in Schweden. Wir standen unweit des Ufers an der Ostsee in Smygehamn Havsbad, in Skåne, an der schwedischen Riviera, an diesem malerischen, fast poetischen Ort.
Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment im Hotel. „Ihr kommt aus Deutschland? Dann nehmt mal die Masken ab. Hier ist alles normal.“ Und ich weiß noch, wie ich die Maske abgenommen habe und nicht nur mein Gesicht frei war, sondern auch etwas in mir. Als hätte ich viel zu lange die Luft angehalten und würde jetzt zum ersten Mal wieder richtig einatmen.
Smygehavn ist kein Ort, der dich überwältigt. Er ist still. Weit. Ehrlich. Das Meer, der Wind, dieses Licht – alles wirkt, als würde es nichts von dir wollen. Und genau das hat mich berührt. Wir sind stundenlang gelaufen, über diese großen, moosbesetzten, vom Wasser und Wind rund geschliffenen Steine am Strand, auf denen man ausrutscht, wenn man nicht aufpasst.
Ich erinnere mich an einen Moment, in dem ich kurz den Halt verloren habe. Nur für einen Augenblick. Und dann war da dieses leise Gefühl, als würde ich mich selbst halten. Kein sichtbarer Griff, kein äußerer Halt – nur dieses innere „Ich hab dich“, das ganz ruhig durch mich ging.
Und vielleicht hätte ich fallen können. Aber ich bin es nicht. Denn ich bin ja selbst ein Stein.
Ich habe mich nicht mehr losgelassen. Nicht an diesem Tag, nicht auf all den Wegen, die wir gegangen sind, nicht auf der Rückfahrt. Und in dieser ganzen Zeit war da etwas, das ich lange nicht mehr gespürt hatte. Ich war bei mir. Und ich war nicht allein. Ohne mich zu verstellen, ohne mich anzupassen, ohne mich kleiner zu machen. Es war einfach nur schön. Ruhig. Tief. So eine angenehme Tiefe, die nichts fordert und nichts zerstört.
Einfach Vertrauen in mich selbst.
Und vielleicht war genau das der Moment, der alles verändert hat. Weil ich gespürt habe, wie es sich anfühlt, wenn etwas nicht weh tut. Oder du zuviel oder zu wenig zu sein scheinst, obwohl du genau so gut bist, wie du bist.
Ich kannte auch das andere. Dieses Aufbrausen, dieses Ziehen, diese Wellen, die dich mitnehmen und wieder ausspucken. Ich habe mich darin verloren, habe mich verbogen, habe mich kleiner gemacht, nur damit etwas bleibt, das nie wirklich bleiben wollte. Ich habe das Liebe genannt, weil es sich intensiv angefühlt hat. Weil es mich durchgeschüttelt hat. Weil es mich nicht losgelassen hat.
Oder vielleicht war er nur eine andere Version von mir. Schlau, entziehend, immer ein Stück zu weit weg und gleichzeitig nah genug, um mich nicht loszulassen. Ich habe es gemocht, auf eine Weise, die sich fast sicher angefühlt hat, fast vertraut, fast wie Familie. Und gleichzeitig war ich abhängig, wie auf etwas, von dem ich wusste, dass es mir nicht guttut. Ich habe es immer Badewannenbeziehung genannt. Warm. Einlullend. Und irgendwann merkst du, dass du zu lange drin liegst und keine Luft mehr bekommst.
Ich war darin gefangen, ohne es mir einzugestehen. In diesem Spiel aus Nähe und Distanz, aus Antworten und Schweigen, aus diesem ständigen Gefühl, nicht ganz dran zu sein und doch nicht loszukommen. Und irgendwann habe ich aufgehört, sofort zu reagieren. Habe Nachrichten liegen lassen. Tage später geantwortet. Nicht aus Trotz, sondern weil ich gemerkt habe, dass ich mich sonst wieder verliere. Vielleicht war ich die Erste, die ausgestiegen ist. Vielleicht war es auch einfach nur mein Versuch, mich selbst wiederzufinden. Am Ende ist es egal, wie man das nennt. Es bleibt ein Spiel. Und Spiele machen abhängig.
Und genau deshalb wollte ich diesen Raum nicht mehr öffnen. Nicht, weil ich Angst habe, sondern weil ich weiß, was dann wieder beginnen könnte. Dieses Ziehen. Dieses Kippen. Dieses „nur ein bisschen“ und plötzlich bist du wieder mittendrin.
Smygehavn war anders.
Dieses Meer war anders. Es war ruhig, auch wenn es sich bewegt hat. Es musste nicht laut sein, um echt zu sein. Und vielleicht hat mich genau das so verzaubert. Diese schwedische Riviera, dieses Licht, diese Weite – ich habe sie in mein Herz geschlossen, ohne dass sie etwas von mir verlangt hat. Und vielleicht ist das die einzige Art von „Abhängigkeit“, die ich heute noch zulasse. Dieses Gefühl, das mich nicht kleiner macht, sondern mich daran erinnert, wie ich sein kann.
Frei.
Nicht getrieben. Nicht gefangen. Nicht verloren.
Einfach ich.
Und vielleicht ist genau das, was bleibt.
Nicht die Menschen, die gehen oder bleiben.
Nicht die Geschichten, die sich verheddern.
Nicht die Geschichten, die sich verheddern.
Sondern dieser eine Ort, an dem ich gespürt habe,
dass ich mich nicht mehr verlieren will.
dass ich mich nicht mehr verlieren will.