Nothing to lose in Toulouse
Ich habe mir Toulouse ausgesucht, ohne genau zu wissen, warum. Vielleicht wegen des Klangs. Vielleicht, weil sich dieses leise „to lose“ darin versteckt. Vielleicht aber auch, weil ich irgendwo tief in mir spüre, dass ich bereit bin, etwas loszulassen, das mich viel zu lange begleitet hat, ohne je wirklich da zu sein.
Es ist August. Die Luft ist warm und schwer, sie legt sich wie ein Schleier über die Stadt, und alles wirkt ein wenig langsamer, als würde Toulouse selbst wissen, dass manche Dinge Zeit brauchen. Ich gehe durch diese roséfarbenen Straßen, lasse mich treiben, ohne Ziel, ohne Plan, und merke, dass ich nicht mehr suche. Nicht nach Antworten. Nicht nach diesem einen Moment, der alles erklärt. Nicht nach einem „Was wäre gewesen, wenn“.
Ich bin einfach da.
Und während ich durch die Stadt laufe, spüre ich diese leise Verschiebung in mir. Kein Bruch, kein lautes Loslassen, eher ein sanftes Lösen. So, als würde sich etwas, das lange fest in mir verankert war, ganz langsam lockern, ohne dass ich es erzwingen muss. Ich denke nicht mehr in Enden oder Anfängen. Ich denke in Bewegung.
Vielleicht ist es genau das, was mich hierher geführt hat. Toulouse. Airbus. Flugzeuge, die gebaut werden, um aufzubrechen, um sich zu lösen vom Boden, um in etwas aufzusteigen, das größer ist als das, was sie zurücklassen. Ich stehe dort, schaue ihnen zu, wie sie sich langsam in den Himmel heben, und frage mich, wie oft ich selbst festgehalten habe, obwohl ich längst hätte gehen dürfen.
Es gab einmal dieses Gefühl, das sich wie Zuhause angefühlt hat. So vertraut, so nah, als hätte ich endlich den Ort gefunden, an dem ich einfach sein darf. Und vielleicht war es genau deshalb so schwer, es loszulassen. Weil es nie wirklich greifbar war. Weil es mehr in mir existiert hat als in der Realität. Wie ein Gedanke, der sich richtig anfühlt, auch wenn er sich nie erfüllt.
Ich habe lange geglaubt, dass Loslassen bedeutet, etwas zu verlieren. Dass es ein Scheitern ist, ein Aufgeben. Aber hier, zwischen all dem Licht, der Wärme und dieser stillen Weite, fühlt es sich anders an. Ruhiger. Wahrer. Fast so, als würde ich nichts verlieren, sondern etwas zurückbekommen, das ich viel zu lange aus der Hand gegeben habe.
Mich selbst.
Und vielleicht ist das das Einzige, was am Ende wirklich zählt. Nicht, ob etwas bleibt oder geht. Sondern ob ich bei mir bleibe, egal wohin ich gehe.
Toulouse fühlt sich nicht wie ein Abschied an. Eher wie ein leiser Übergang. Wie ein Ort, an dem nichts von mir verlangt wird. An dem ich nichts festhalten muss. An dem ich einfach stehen kann, den Blick in den Himmel gerichtet, während ein Flugzeug über mir verschwindet, und zum ersten Mal seit langem nicht das Gefühl habe, dass ich etwas hinterherlaufen muss.
Vielleicht war es nie die Aufgabe, anzukommen.
Vielleicht ging es die ganze Zeit nur darum, weiterzugehen. 
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