Living in the Inbetween
TV Noir mit Lotte und Scott Quinn im Admiralspalast Berlin am 15.08.2026.
Manchmal geht man zu einem Konzert und weiß ziemlich genau, was einen erwartet. Und manchmal sitzt man im Berliner Admiralspalast vor einem roten Samtvorhang, schaut auf eine einzelne Gitarre auf der Bühne und stellt am Ende des Abends fest, dass ausgerechnet der Künstler, von dem man am wenigsten erwartet hatte, einen zu Tränen gerührt hat.
So ging es mir bei TV Noir am 15.08.2026 mit Lotte und Scott Quinn.
Das Konzept von TV Noir verspricht diese besondere Nähe, für die das Format bekannt geworden ist: zwei Künstler, die sich mit ihren Songs abwechseln, Gespräche dazwischen und eine Atmosphäre irgendwo zwischen Konzert und Wohnzimmer. Und nun war ich da in Reihe 2 und erfüllte mir einen langgehegten Traum.
Zumindest in der Theorie.
Denn mit dem Abend selbst war ich am Ende erstaunlich zwiegespalten.
Lotte – musikalisch einfach nicht meine Welt
Dass Lotte musikalisch nicht unbedingt meinem persönlichen Geschmack entspricht, war mir vorher schon klar. Daran hat sich an diesem Abend nichts geändert. Allerdings lag es nicht nur daran, dass ihre Musik und ihre Art einfach nicht meine Welt sind.
Mich störte vor allem, dass mehrere Songs nicht auf Anhieb funktionierten.
Bei einem Stück verpasste sie den Einsatz und hatte offenbar den Text nicht mehr im Kopf. Ein anderes Mal brach sie ab, weil sie nach einem zunächst weggelassenen Intro doch nicht richtig in den Song fand und noch einmal von vorn beginnen wollte. Beim dritten Mal erklärte sie, ihre Stimme sei auf dem In-Ear zu leise gewesen, und setzte den Song erneut an.
Natürlich ist ein Livekonzert genau das: live. Fehler passieren. Und manchmal sind es gerade diese kleinen Pannen, die einen Abend menschlich und besonders machen.
Bei drei solchen Situationen innerhalb eines Auftritts kippte dieses Gefühl für mich allerdings. Was beim ersten Mal noch sympathisch und spontan wirken kann, vermittelte mir irgendwann eher den Eindruck fehlender Souveränität. Gerade weil ich musikalisch ohnehin keinen richtigen Zugang zu ihr fand, hat mich das zunehmend aus dem Konzert herausgebracht.
Vielleicht fiel mir deshalb ihr Gitarrist umso stärker auf. Sein Spiel empfand ich als ausgesprochen gut und musikalisch sicher – tatsächlich hat er mich an diesem Abend deutlich mehr beeindruckt als Lotte selbst.
Auch mit der Art und Haltung, die Lotte auf der Bühne transportiert, fremdele ich. Sie steht für eine sehr gegenwärtige, stark von ihrer Generation geprägte Sprache und Perspektive, mit der ich persönlich wenig anfangen kann. Das ist keine Frage von richtig oder falsch. Es ist schlicht nicht meine Welt.
Und an diesem Abend wurde mir ziemlich deutlich bewusst, wie weit diese Welt von meiner eigenen musikalisch entfernt ist.
Und dann kam Scott Quinn
Bei Scott Quinn waren meine Erwartungen vorher beinahe nicht vorhanden.
Ich kannte ihn nicht wirklich und dachte zunächst: Mal sehen, was das wird. Vielleicht sehr alternativ, vielleicht ein bisschen das, was ich vorschnell unter „typisch Berlin“ einsortiert hätte.
Und dann begann er zu spielen.
Beim ersten Song liefen mir die Tränen.
So schnell kann man sich irren.
Seine Stimme, sein Gesang, seine Texte und sein Klavierspiel haben mich vollkommen unerwartet erwischt. Nicht laut, nicht spektakulär, nicht mit dem Versuch, unbedingt irgendeine Wirkung erzeugen zu müssen.
Es war einfach da, er war einfach da. So intensiv und mitreißend. Die Stimme klar, das Klavierspiel deutlich und rein.
Und dann kam „Living in the Inbetween“.
Vielleicht gibt es Lieder, die man nicht findet. Vielleicht finden sie einen.
Denn genau dieses Gefühl – irgendwo dazwischen zu leben – begleitet mich selbst seit ungefähr 15 Jahren.
Nicht ganz hier. Nicht ganz dort. Zwischen dem, was einmal war, dem, was gerade ist, und dem, was vielleicht irgendwann sein wird. Zwischen Erwartungen und eigenen Vorstellungen. Zwischen Bleiben und Gehen. Zwischen dem Leben, das man führt, und der leisen Ahnung, dass irgendwo noch ein anderes auf einen wartet.
Und plötzlich sitzt man in einem Theater in Berlin und jemand, den man vorher kaum kannte, singt Worte für etwas, das man selbst seit Jahren mit sich herumträgt.
Das war für mich der Moment des Abends.
Wohnzimmer? Für mich leider nicht. Aber Scott Quinn dürfte jeder Zeit in meinem Wohnzimmer spielen.
Mit einem anderen Teil des TV-Noir-Konzepts konnte ich dagegen wenig anfangen.
Zwischen den musikalischen Abschnitten fanden immer wieder kleine Spiele statt. Vermutlich sollen gerade diese Momente Lockerheit schaffen und zu jener berühmten „Wohnzimmeratmosphäre“ beitragen.
Bei mir bewirkten sie das Gegenteil.
Ich empfand sie als albern und teilweise geradezu störend, weil sie mich aus der Stimmung herausholten, die die Musik zuvor aufgebaut hatte.
Vielleicht verstehe ich unter einem Wohnzimmerkonzert einfach etwas anderes.
Für mich entsteht Nähe nicht durch Spiele oder künstlich erzeugte Lockerheit. Sie entsteht, wenn ein Raum ruhig genug wird, damit Musik wirken kann. Wenn ein Künstler etwas erzählt, einen Song beginnt und für ein paar Minuten nichts anderes wichtig ist.
Gerade Scott Quinn hat gezeigt, wie wenig es dafür eigentlich braucht.
Eine Stimme. Ein Klavier. Ein guter Song.
Mehr nicht.
Ein Abend mit zwei völlig unterschiedlichen Seiten
Ich bin deshalb zwiegespalten aus dem Admiralspalast gegangen.
TV Noir als Format hat mich weniger überzeugt, als ich erwartet hatte. Lotte hat bestätigt, dass ihre Musik und meine musikalische Welt vermutlich einfach nicht zusammenfinden werden. Doch am 29.08.2026 hat TV Noir noch eine Chance mit Elimeko und dem großen Clueso.